Zement- oder Calciumsulfatspachtelmasse - Was ist die technisch richtige Lösung?

Alle namhaften Hersteller von Boden-Spachtelmassen bieten heutzutage sowohl Produkte auf Zement- als auch auf Calciumsulfatbasis an. Auf Gesamtdeutschland bezogen beträgt der Anteil der calciumsulfatbasierten (Gips-) Spachtelmassen ca. 10 %. Allerdings ist ein erhebliches Ost/West-Gefälle vorhanden. In den neuen Bundesländern beträgt der Anteil der Gips-Spachtelmassen ca. 40 - 50 %, während er im Westen nur bei ca. 5 - 10 % liegt. Vor diesem Hintergrund drängt sich die Frage geradezu auf: Wann ist die calciumsulfat- bzw. die zementbasierte Variante eigentlich die technisch richtige Lösung?

Legt man die Produktdatenblätter der Hersteller zugrunde, so kann mit beiden Produktgruppen praktisch das gesamte Spektrum der Bodenanwendungen abgedeckt werden. Die wesentlichen materialspezifischen Unterschiede und die daraus abgeleiteten Folgen für die praktische Anwendung erschließen sich dem Anwender meist erst auf den zweiten Blick, wenn überhaupt.

Vor dem Hintergrund der Untergrundvorbereitung für Bodenbelag- und Parkettarbeiten sind die maßgeblichen Unterschiede nachfolgend aufgeführt:

 - Zementspachtelmassen schwinden beim Aushärten und können dadurch, abhängig von der jeweiligen Produktqualität, relativ hohe Spannungen aufbauen, verbunden mit einer deutlichen Rissbildungsneigung. Gipsspachtelmassen sind praktisch spannungsfrei.

 - Zementspachtelmassen binden das Anmachwasser über einen länger andauernden Prozess und sind dadurch bei höheren Schichtdicken (> 3 mm) schneller belegreif. Gipsspachtelmassen binden sehr schnell das Anmachwasser und trocknen danach rein physikalisch, was bei hohen Schichtdicken zu relativ langen Trocknungszeiten führt. Schnellbausysteme bis herunter auf eine Belegreifzeit von nur noch einer Stunde sind nur auf Zementbasis möglich.

 - Zementspachtelmassen erreichen in Standardformulierungen hohe Festigkeiten. Hochwertige Produkte liegen meist bei Druckfestigkeiten über 30 bis 40 N/mm², entsprechende calciumsulfatgebundene Produkte eher bei 25 bis 35 N/mm².

 - Kurzfristiger Feuchtigkeitseintrag, z. B. über die Fugen eines Fliesenbelags, beeinflusst die Festigkeit von Zementspachtelmassen kaum. Gipsspachtelmassen verlieren dagegen bei Wasseraufnahme deutlich an Festigkeit.

Für den Praxiseinsatz sind in der Regel die beiden durch die Baustellenanforderungen vorgegebenen Parameter, erstens Untergrund und zweitens zu verlegender Belag/zu erwartende Belastung maßgebend. Aus den oben dargestellten Unterschieden in Verbindung mit den vorgegebenen  Baustellenanforderungen ergeben sich somit bestimmte Anwendungsfälle, bei denen eine der beiden Materialvarianten bevorzugt eingesetzt werden sollte.

Untergünde:

Gussasphaltestriche: Gussasphalt ist aufgrund seines hohen thermischen Ausdehnungs-koeffizienten und seines viskoelastischen Verhaltens sehr empfindlich gegen Temperatur-änderungen und äußere Spannungseinwirkungen; die entsprechenden Schäden sind Legion. Alte Gussasphaltestriche sollten daher möglichst mit calciumsulfatbasierten Massen gespachtelt werden. Neue gut abgesandete Gussasphaltestriche können bei begrenzten Schichtdicken (max. 3 - 5 mm) auch mit „spannungsarmen“ Zementmassen gespachtelt werden.

Mischuntergründe aus Estrichen unterschiedlicher Materialzusammensetzung: Sie treten häufig auf, wenn z. B. Grundrissänderungen im Rahmen von Renovierungsarbeiten vorgenommen werden. Auch diese sind eine eindeutige Domäne der Gipsspachtelmassen.

Spanplatten/Trockenestriche: Auch wenn Spanplatten oder Fertigteilestrichelemente vorschriftsmäßig eingebaut sind, ist mit größeren lastbedingten Verformungen als bei Zement- oder Calciumsulfatestrichen zu rechnen. Durch Einsatz von Gipsspachtelmassen, eventuell auch faserarmiert, werden zusätzliche spannungsbedingte Verformungen vermieden.

Oberbeläge/Mechanische Belastungen:

Kautschukbeläge stellen bei den elastischen Belägen die höchsten Anforderungen an die Oberflächenfestigkeit der Spachtelmassen. Ihr hoher Dampfdiffusionswiderstand bremst sehr effektiv den Abtransport von Restfeuchtigkeit aus Spachtelmassen und Dispersionsklebstoffen. Daher sollten unter diesem Belag primär Zementspachtelmassen hoher Festigkeit eingesetzt werden.

Parkett baut durch feuchtigkeitsbedingte Dimensionsänderungen hohe Scherkräfte zwischen Belag und Untergrund auf. Die höherfesten zementären Produkte werden daher in diesem Fall bevorzugt eingesetzt. Allerdings spielen auch Holzarten und Formate eine große Rolle, so dass herstellerspezifisch abweichende Empfehlungen ausgesprochen werden können.

In Feuchträumen und bei keramischen Fliesen/Naturstein ist sowohl bei der Verlegung, als auch bei der Nutzung mit erhöhter Feuchtebelastung zu rechnen. Dies schließt die Verwendung von Gipsspachtelmassen praktisch aus.

Werden Beläge durch hohe Verkehrslasten (z. B. Flurförderfahrzeuge) stark mechanisch beansprucht, sollten möglichst hochfeste Zementspachtelmassen eingebaut werden.

Die obige Beschreibung verdeutlicht, dass der Vorzug für die Gipsspachtelmassen primär durch den Untergrund ausgelöst wird, während die Zement-Präferenz vor allem durch anspruchsvolle Beläge und Belastungen entsteht. Dazwischen gibt es in der Praxis beliebig viele Übergangsfälle bei denen  beide Typen von Spachtelmassen als grundsätzlich geeignet angesehen werden können. Im nebenstehenden Schaubbild ist dies übersichtsartig zusammengefasst. Sofort erkennbar werden auch die Untergrund/Oberbelag-Kombinationen, die keine spontane Materialempfehlung zulassen, z. B. alter Gussasphaltestrich/Kautschukbelag oder Spanplatten/Parkett. Auch für diese anspruchsvollen Aufgaben gibt es sichere Systemaufbauten, z. B. mit Hilfe von speziell geeigneten Produkten oder Entkoppelungssystemen. In solchen Fällen empfiehlt es sich anwendungstechnischen Rat einzuholen.        

Dieser Beitrag soll vor allem eine schnelle Orientierung in der Vielfalt der poduktbezogenen Informationen liefern. Letztendlich müssen die jeweils individuellen Baustellenbedingungen und auch die Verwenderpräferenzen die Materialauswahl bestimmen. Die UZIN Anwendungstechnik steht dabei gerne unterstützend zur Verfügung.

Untergrund Belag/Lasteinwirkung
Alter Gussasphaltestrich Parkett
Mischuntergründe Kautschuk
Holzspanplatten Fliesen
Trockenestriche Feuchtigkeit
Schwerlast/Schnellbau
Erstempfehlung:

Calciumsulfat-Spachtelmasse
Erstempfehlung:

Zement-Spachtelmasse

Autor:

Dr. Norbert Arnold - Leiter Technischer Produktservice